Adipositas I

Adipositas – mehr als Übergewicht


Adipositas ist ein Begriff, der vielen Menschen vertraut ist – und zugleich oft missverstanden wird. Häufig wird er verkürzt mit „starkem Übergewicht“ gleichgesetzt. Doch medizinisch betrachtet beschreibt Adipositas eine eigenständige, chronische Erkrankung, die weit über das sichtbare Körpergewicht hinausgeht.

Für Betroffene bedeutet das häufig eine doppelte Belastung:
zum einen durch körperliche Beschwerden, zum anderen durch Erwartungen, Bewertungen und Vorurteile, die ihnen im Alltag begegnen. Genau hier setzt ein differenzierter Blick an – ein Blick, der erklären möchte, statt zu urteilen.

Wann spricht man medizinisch von Adipositas?


In der Medizin wird Adipositas in der Regel mithilfe des sogenannten Body-Mass-Index (BMI) eingeordnet. Er setzt Körpergewicht und Körpergröße ins Verhältnis und dient als Orientierung, nicht als abschließendes Urteil.

Ab einem BMI von 30 spricht man medizinisch von Adipositas. Diese Einordnung ist international anerkannt und hilft dabei, gesundheitliche Risiken besser einzuschätzen und Behandlungswege zu planen.

Dabei werden drei Schweregrade unterschieden:

  • Adipositas Grad I (BMI 30–34,9)
    Eine mäßige Ausprägung, bei der erste körperliche oder seelische Belastungen auftreten können – aber nicht zwingend müssen.
  • Adipositas Grad II (BMI 35–39,9)
    Eine schwere Form, bei der das Risiko für Begleiterkrankungen deutlich steigt und der Alltag oft spürbar beeinträchtigt ist.
  • Adipositas Grad III (BMI ab 40)
    Eine sehr schwere Ausprägung, die häufig mit erheblichen körperlichen, psychischen und sozialen Belastungen verbunden ist.

So klar diese Zahlen wirken mögen – sie erzählen nicht die ganze Geschichte.

Warum Zahlen allein nicht ausreichen


Der BMI sagt nichts darüber aus,

  • wie belastend der Alltag erlebt wird,
  • welche körperlichen Beschwerden tatsächlich bestehen,
  • welche Rolle Stress, Schlaf, Medikamente oder Vorerkrankungen spielen,
  • oder wie sehr jemand psychisch unter seiner Situation leidet.

So kann eine Person mit einer vergleichsweise niedrigeren Stufe der Adipositas stark unter Scham, Erschöpfung oder Rückzug leiden, während eine andere mit höherem BMI weniger psychische Belastung erlebt. Umgekehrt gilt das genauso.

Deshalb betrachten moderne medizinische Konzepte Adipositas heute ganzheitlicher. Neben dem Gewicht fließen unter anderem ein:

  • die Verteilung des Körperfetts,
  • das Vorliegen von Begleiterkrankungen,
  • funktionelle Einschränkungen im Alltag,
  • und die seelische Situation.

Adipositas ist damit keine einfache Rechenaufgabe, sondern ein komplexes Zusammenspiel körperlicher und psychischer Prozesse.

Eine chronische Erkrankung – kein persönliches Versagen


Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, Adipositas entstehe vor allem durch mangelnde Disziplin oder falsche Entscheidungen. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig – ist medizinisch jedoch nicht haltbar.

Adipositas entwickelt sich meist über Jahre hinweg und ist beeinflusst durch:

  • genetische Faktoren,
  • Stoffwechsel- und Hormonregulation,
  • frühere Diäterfahrungen,
  • Stress- und Belastungssituationen,
  • Schlafmangel,
  • psychische Erkrankungen,
  • bestimmte Medikamente.

Der Körper reagiert dabei nicht „falsch“, sondern folgt biologischen Schutzmechanismen. Insbesondere nach Gewichtsverlusten aktiviert er Prozesse, die Energie sparen und Hunger verstärken. Das erklärt, warum viele Menschen trotz großer Anstrengungen immer wieder in alte Muster zurückfallen – und warum klassische Diätansätze langfristig häufig scheitern.

Adipositas ist in diesem Sinne keine Frage des Wollens, sondern eine Erkrankung mit einem eigenen Verlauf.

Die oft übersehene psychische Dimension


Neben den körperlichen Auswirkungen bringt Adipositas häufig eine erhebliche seelische Belastung mit sich. Viele Betroffene berichten von:

  • Schamgefühlen,
  • sozialem Rückzug,
  • dem Gefühl, ständig beobachtet oder bewertet zu werden,
  • negativen Erfahrungen im privaten und beruflichen Umfeld,
  • und nicht selten auch im medizinischen Kontext.

Diese Erfahrungen wirken sich auf das Selbstwertgefühl aus und können die Entwicklung von Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen begünstigen. Wichtig ist dabei: Die psychische Belastung ist kein Randthema, sondern ein zentraler Bestandteil der Erkrankung.

Dabei gilt: Sie ist nicht proportional zum Körpergewicht. Sie entsteht durch Erleben, durch Erfahrungen – und durch den Umgang der Umwelt mit dem Thema.

Warum ein ganzheitlicher Blick entscheidend ist


Adipositas betrifft den gesamten Menschen. Körperliche Beschwerden, seelische Belastung und soziale Faktoren greifen ineinander. Eine sinnvolle medizinische Begleitung berücksichtigt deshalb nicht nur Zahlen oder Symptome, sondern auch Lebensumstände, Belastungen und Ressourcen.

In der MEINE.Klinik verstehen wir Adipositas als eine Erkrankung, die Zeit, Differenzierung und Respekt erfordert. Unser Ansatz verbindet allgemeinmedizinische, psychosomatische und psychotherapeutische Perspektiven. Nicht mit dem Ziel, schnelle Lösungen zu versprechen, sondern um Orientierung zu geben, Zusammenhänge verständlich zu machen und individuelle Wege zu begleiten.

Denn nicht alles ist sofort veränderbar.
Aber vieles ist verstehbar.

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